Was ist in Absinth, der ihn illegal machte? Die Wahrheit über Thujon

Stellen Sie sich vor, es ist das späte 19. Jahrhundert. In den Cafés von Paris sitzt Vincent van Gogh, trinkt einen grünen Schuss und malt später sein berühmtes Bild mit dem gelben Mond. Oder Arthur Rimbaud, der Dichter, der behauptete, nach einem Glas Absinth könne er die Sterne zählen. Doch dann, plötzlich, wird dieses Getränk verboten. Zuerst in Frankreich, dann in der Schweiz, später auch in den USA und vielen anderen Ländern. Warum? Was genau war in dieser Flüssigkeit, dass ganze Nationen Angst hatten?

Die kurze Antwort lautet: Es war nicht nur der Alkohol. Es war eine Kombination aus hochprozentigem Spiritus und einer speziellen chemischen Verbindung namens Thujon, eine organische Verbindung, die natürlicherweise im Wermutkraut (Artemisia absinthium) vorkommt.. Aber die Geschichte dahinter ist viel komplexer als nur „Gift im Glas“. Um zu verstehen, warum Absinth illegal wurde, müssen wir uns ansehen, wie er hergestellt wurde, was die Wissenschaft damals dachte und wie Mythen die Gesetzgebung beeinflusst haben.

Die Hauptzutat: Wermut und das Problem mit Thujon

Der Kern des Absinths liegt in seiner Namensgeber-Pflanze: dem Wermutkraut (Artemisia absinthium). Diese Pflanze gibt dem Getränk seinen charakteristischen bitteren Geschmack und seine grüne Farbe. Doch sie enthält auch ätherische Öle, und eines dieser Öle ist besonders heikel: das Thujon.

Thujon ist ein Sesquiterpen, eine Art Kohlenwasserstoff, der auch in anderen Pflanzen wie Beifuß oder Salbei vorkommt. In hohen Dosen kann Thujon neurotoxisch wirken. Das bedeutet, es greift das Nervensystem an. Tiere, die große Mengen Thujon aufnehmen, zeigen Krampfanfälle, Lähmungen und sogar Tod. Für Menschen sieht das ähnlich aus: Übelkeit, Verwirrung, Muskelzittern und im Extremfall epileptische Anfälle.

Doch hier liegt der Hase im Pfeffer begraben: Wie viel Thujon steckt wirklich in einem Glas Absinth? Und ist diese Menge gefährlich? Die Antwort hängt stark von der Herstellungsmethode ab. Traditioneller Absinth wird durch Kaltauszug oder kurzes Heißextrahieren gewonnen. Bei diesem Prozess löst sich nur ein Bruchteil des Thujons im Alkohol auf. Moderne Analysen zeigen, dass traditionell hergestellter Absinth oft weniger als 10 Milligramm Thujon pro Liter enthält - eine Menge, die selbst bei regelmäßigem Konsum kaum gesundheitsschädlich ist.

Vergleich der Thujon-Gehalte in verschiedenen Getränken
Getränk Thujon-Gehalt (mg/L) Alkoholgehalt (% vol.) Gesundheitsrisiko
Traditioneller Absinth 5-30 60-74 Gering (bei normalem Konsum)
Kommerzieller Absinth (heute) < 10 (EU-Limit) 50-70 Sehr gering
Beifuß-Tee Variable (oft > 50) 0 Mittel bis hoch (bei häufigem Genuss)
Salbei-Tee Variable (oft > 20) 0 Niedrig bis mittel

Wie Sie sehen, ist der Thujon-Gehalt in traditionellem Absinth oft niedriger als in manchen Kräutertees, die heute frei erhältlich sind. Das klingt absurd, oder? Genau das war auch das Argument der Absinth-Verfechter im frühen 20. Jahrhundert: Wenn Tee erlaubt ist, warum nicht Absinth?

Der Alkoholfaktor: Vergessen, aber entscheidend

Wenn Thujon allein nicht ausreichte, um Absinth zu verbieten, was dann? Die Antwort ist simpler, aber weniger sexy: Alkohol. Absinth hat typischerweise einen Alkoholgehalt zwischen 60 und 74 Prozent. Zum Vergleich: Ein normales Bier hat etwa 5 Prozent, Wein etwa 12-14 Prozent, Wodka etwa 40 Prozent.

Ein einzelner Shot Absinth entspricht also fast zwei Shots Wodka. Trinken Sie drei Shots Absinth, haben Sie die gleiche Alkoholmenge wie sechs Shots Wodka. Und das war im späten 19. Jahrhundert alltäglich. Arbeiter in Fabriken und Bauern tranken Absinth am Morgen, weil er billig war und sie wach hielt. Der Effekt? Schnelle Betrunkenheit, langsame Erholung und chronische Alkoholsucht.

Das Problem war jedoch nicht spezifisch für Absinth. Andere hochprozentige Spirituosen wie Schnaps oder Rum wurden nicht gleich verboten. Warum? Weil Absinth anders konsumiert wurde. Man gab ihm Wasser hinzu, was zur „Louching“-Methode führte: Das Getränk wird trüb, die Aromen entfalten sich, und der Alkoholgehalt sinkt leicht. Doch viele tranken ihn pur oder nur mit wenig Wasser. So entstand ein Muster des schnellen, intensiven Rausches, der leicht süchtig machte.

Nahaufnahme von Wermutkraut-Pflanzen neben einem alten Laborgefäß

Die Rolle der Medien und der Mythos vom „Grünen Teufel“

Hier kommt nun der psychologische Aspekt ins Spiel. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert begann die moderne Presse zu blühen. Zeitungen brauchten Sensationen. Und was gab es Sensationelleres als ein Getränk, das Künstler verrückt machen soll?

Der Begriff „Le Diable Vert“ - der Grüne Teufel - wurde populär. Man schrieb Absinth Wahnsinn, Halluzinationen und Gewalttaten zu. Berühmte Fälle wurden herangezogen: Ein Bauer, der seine Familie tötete, nachdem er Absinth getrunken hatte. Ein Maler, der sich das Ohr abschlug. Natürlich waren diese Fälle vereinzelt und oft überschätzt. Doch die Medien ließen keine Zweifel aufkommen: Absinth sei die Wurzel allen Übels.

Interessant ist dabei, dass ähnliche Vorwürfe nie gegen Bier oder Wein erhoben wurden. Warum? Vielleicht, weil Bier und Wein bereits Teil der etablierten Kultur waren. Absinth hingegen war neu, exotisch und mit Künstlern, Bohemiens und Außenseitern verbunden. Das machte ihn zum perfekten Sündenbock.

Politik und Wirtschaft: Hinter den Kulissen des Verbots

Natürlich spielten auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Die Weinindustrie litt unter der Konkurrenz durch billigen Absinth. Viele Winzer setzten sich politisch für ein Verbot ein. In Frankreich gab es starke Lobbygruppen, die Absinth als Bedrohung für die nationale Gesundheit und Moral darstellten.

Auch die Kirche mischte sich ein. Katholische Priester predigten gegen Absinth, weil er Arbeiter betrunken und damit unproduktiv mache. In einer Zeit, in der die Industrialisierung voranschritt, war disziplinierte Arbeitskraft wichtig. Wer betrunken war, störte die Ordnung.

So entstand ein perfekter Sturm: Medien schürten Angst, Politik nutzte die Stimmung, Industrie profitierte vom Verbot, und die Wissenschaft lieferte scheinbare Beweise. Am Ende stand ein Gesetz, das Absinth in vielen Ländern verbot - obwohl die wissenschaftlichen Grundlagen schwach waren.

Konzeptkunst: Dunkler Mythos des Grünen Teufels gegenüber wissenschaftlicher Klarheit

Die Wiederzulassung: Was hat sich geändert?

Im Jahr 1988 hob die Schweiz das Absinthverbot auf. Später folgten andere Länder, darunter die EU-Mitgliedstaaten. Seit 2005 gilt in der Europäischen Union ein Grenzwert von maximal 10 Milligramm Thujon pro Liter für alkoholische Getränke. In den USA liegt der Wert bei 35 Milligramm pro Liter.

Warum diese Zahlen? Weil Studien zeigten, dass diese Mengen für den menschlichen Körper unbedenklich sind. Selbst bei täglichem Konsum von einem Glas Absinth nimmt man weniger Thujon auf als bei einer Tasse starkem Beifuß-Tee. Die regulatorische Entscheidung basierte also auf neuer wissenschaftlicher Evidenz, nicht mehr auf alten Ängsten.

Heute ist Absinth wieder legal erhältlich - sowohl in Europa als auch in vielen anderen Teilen der Welt. Doch die Produktion muss streng kontrolliert werden. Hersteller müssen ihre Produkte testen lassen, um sicherzustellen, dass der Thujon-Gehalt innerhalb der gesetzlichen Grenzen bleibt.

Fazit: War Absinth wirklich so gefährlich?

Nein, nicht im Sinne dessen, was man früher glaubte. Absinth war kein magisches Gift, das sofort wahnsinnig machte. Er war ein sehr starker Alkohol, der leicht missbraucht werden konnte. Der Thujon-Gehalt war zwar vorhanden, aber in traditionellen Rezepturen meist niedrig genug, um keine akuten Gesundheitsgefahren darzustellen.

Das Verbot von Absinth war daher weniger eine Frage der Toxizität als vielmehr eine Mischung aus Moralpanik, wirtschaftlichen Interessen und mangelndem wissenschaftlichem Verständnis. Heute wissen wir besser. Wir können Absinth genießen, ohne Angst vor dem „Grünen Teufel“ haben zu müssen - solange wir verantwortungsvoll trinken.

Ist Absinth heute noch illegal?

Nein, Absinth ist in den meisten westlichen Ländern wieder legal. In der EU darf er maximal 10 mg Thujon pro Liter enthalten, in den USA bis zu 35 mg. Solange dieser Grenzwert eingehalten wird, ist der Verkauf und Konsum erlaubt.

Kann Absinth halluzinatorische Wirkungen hervorrufen?

In sehr seltenen Fällen und bei extrem hohem Konsum könnten leichte Halluzinationen auftreten, doch dies ist eher auf den hohen Alkoholgehalt zurückzuführen als auf Thujon. Die meisten Berichte stammen aus dem 19. Jahrhundert und sind wahrscheinlich übertrieben.

Welche Symptome treten bei Thujon-Vergiftung auf?

Bei hoher Thujon-Aufnahme können Krampfanfälle, Muskelschwäche, Verwirrtheit und Übelkeit auftreten. Diese Symptome sind jedoch bei normalem Absinth-Konsum äußerst unwahrscheinlich.

Gibt es Unterschiede zwischen historischem und modernem Absinth?

Ja. Historischer Absinth wurde oft ohne strenge Kontrollen hergestellt, sodass der Thujon-Gehalt variieren konnte. Moderner Absinth muss gesetzliche Grenzwerte einhalten und wird regelmäßig getestet.

Warum wurde Absinth erst jetzt wieder zugelassen?

Weil neue wissenschaftliche Studien zeigten, dass der Thujon-Gehalt in traditionellem Absinth weit unter den Grenzwerten lag, die als gefährlich galten. Zudem änderte sich die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Alkohol und pflanzlichen Inhaltsstoffen.