Es ist einer der hartnäckigsten Mythen der Trinkkultur: Ein Schluck Absinth ist ein hochprozentiger Likör auf Basis von Wermutkraut, der durch seinen hohen Gehalt an Thujon bekannt wurde reicht aus, um den Geist zu verwirren und intensive visuelle Halluzinationen auszulösen. Die Legende besagt, dass Künstler wie Vincent van Gogh oder Autoren wie Arthur Rimbaud durch diesen „grünen Engel“ in den Wahnsinn getrieben wurden. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Bevor Sie überhaupt beginnen, seltsame Lichter zu sehen, haben Sie sich bereits schwer alkoholisiert.
Diese Geschichte ist faszinierend, aber wissenschaftlich betrachtet eher ein Märchen als eine medizinische Tatsache. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir uns ansehen, was Thujon eigentlich ist, wie es im Körper wirkt und welche Mengen tatsächlich nötig wären, um psychotische Effekte hervorzurufen - wenn überhaupt.
Was genau ist Thujon?
Thujon ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Sesquiterpenlactone, die natürlicherweise in Pflanzen wie Wermutkraut (Artemisia absinthium), Beifuß und Efeusüßwurz vorkommt. Es gibt zwei Formen: Alpha-Thujon und Beta-Thujon. Beide wirken neurotoxisch, da sie an GABA-Rezeptoren im Gehirn binden. Das klingt bedrohlich, ist es aber nur in extremen Dosen.
In normalen Lebensmitteln kommt Thujon in winzigen Spuren vor. Selbst in einem Glas Absinth liegt die Konzentration heute gesetzlich begrenzt. In Deutschland und der Europäischen Union darf ein Getränk maximal 35 Milligramm Thujon pro Liter enthalten, um als alkoholhaltiges Getränk verkauft zu werden. Für Produkte ohne Alkohol gilt ein noch strengeres Limit von 10 mg/L. Diese Grenzwerte basieren auf toxikologischen Studien, die sicherstellen sollen, dass selbst bei täglichem Konsum keine gesundheitlichen Schäden entstehen.
Der Mythos der grünen Visionen
Warum glauben so viele Menschen immer noch an die halluzinogene Wirkung? Der Ursprung dieses Glaubens liegt wahrscheinlich in der Kombination aus starkem Alkohol und psychologischer Erwartungshaltung. Wenn Sie wissen, dass ein Getränk „verrückt machen soll“, neigt das Gehirn dazu, normale optische Phänomene als übernatürlich zu interpretieren.
Zudem war der historische Absinth oft mit anderen Substanzen versetzt. Einige Hersteller gaben dem Likör zusätzlich ätherische Öle hinzu, die potenziell psychoaktiv sein könnten. Aber selbst diese Zusätze waren selten stark genug, um echte Halluzinationen zu verursachen. Stattdessen führte der hohe Alkoholgehalt - oft zwischen 60 und 85 Prozent Volumenanteil - zu starker Intoxikation. Trunkenheit kann durchaus zu verzerrter Wahrnehmung führen, besonders wenn man schon vorher müde oder gestresst war.
Wie viel Thujon müsste man nehmen, um wahnhafte Bilder zu sehen?
Um eine Antwort darauf zu geben, schauen wir uns die Daten an. Tierstudien zeigen, dass erst ab sehr hohen Dosen akute Vergiftungserscheinungen auftreten. Bei Mäusen trat Krampfanfälle auf, nachdem sie etwa 40 bis 50 Milligramm reines Thujon pro Kilogramm Körpergewicht erhalten hatten. Umgerechnet auf einen Erwachsenen von 70 Kilogramm bedeutet das mindestens 2.800 Milligramm Thujon - also fast drei Gramm.
Das ist eine enorme Menge. Zum Vergleich: Ein Liter legaler Absinth enthält maximal 35 Milligramm Thujon. Das heißt, Sie müssten rund 80 Liter Absinth trinken, bevor Sie die Dosis erreichen, die bei Tieren Krampfanfälle auslöste. Und dabei würden Sie längst am Alkoholvergiftung sterben, lange bevor das Thujon seine volle Toxizität entfalten könnte.
Selbst wenn Sie direkt reines Thujon konsumieren würden - was niemand tun sollte - wäre die Schwellendosis für Halluzinationen nicht gut erforscht. Es gibt keine klinischen Studien an Menschen, die systematisch testen, wann Thujon allein psychotische Symptome hervorruft. Was wir wissen: Thujon löst eher nervöse Reizbarkeit, Übelkeit und Kopfschmerzen aus als bunte Lichter oder Stimmen.
Vergleich: Thujon vs. andere halluzinogene Substanzen
| Substanz | Wirkmechanismus | Schwellendosis für Halluzinationen | Hauptnebenwirkungen |
|---|---|---|---|
| LSD | Serotonin-Rezeptor-Agonist | ~100 Mikrogramm | Veränderte Zeitwahrnehmung, Synästhesie |
| Peyote (Mescaline) | Serotonin-Rezeptor-Agonist | ~200 Milligramm | Übelkeit, Erbrechen, emotionale Schwankungen |
| Psilocybin (Magische Pilze) | Serotonin-Rezeptor-Agonist | ~10-20 Milligramm | Antriebverlust, Angstzustände |
| Thujon | GABA-Antagonist | Nicht nachgewiesen | Krämpfe, Nervosität, Übelkeit |
Wie Sie sehen, liegen die Schwellendosen für klassische Halluzinogenen im Mikrogrammbereich. Thujon hingegen zeigt keine solche Empfindlichkeit. Es ist kein klassisches Halluzinogen, sondern eher ein Neurotoxin, das in hohen Dosen das Nervensystem belastet.
Die Rolle des Alkohols bei der Absinth-Wirkung
Alkohol ist ein ZNS-Depressivum. Er dämpft die neuronale Aktivität und führt zu Entspannung, Euphorie und schließlich zu Desorientierung. In großen Mengen kann er auch zu Delirium tremens führen - einem Zustand, der mit intensiven visuellen und taktilen Halluzinationen einhergeht. Allerdings tritt dieser Zustand meist erst nach Absetzen von langjährigem, exzessivem Alkoholkonsum auf, nicht nach einem einzelnen Gläschen Absinth.
Wenn Sie also jemals unter dem Einfluss von Absinth „Grüne Frauen“ gesehen haben, dann war das höchstwahrscheinlich eine Mischung aus:
- Starker Alkoholeinfluss
- Psychologischer Erwartungshaltung
- Möglicherweise schlechter Qualität des Getränks
- Ermüdung oder Stress
Rechtliche Situation in Deutschland und Europa
Seit 2005 ist Absinth in der EU wieder erlaubt, solange er innerhalb der gesetzlichen Thujongrenzen bleibt. Vorher war er verboten, weil man annahm, er sei gesundheitsschädlich. Heute wird er als normales Spiritugetränk behandelt. In Deutschland können Sie ihn frei kaufen, solange er die Vorgaben der Lebensmittel-Buchsverordnung erfüllt.
Falls Sie selbst Absinth herstellen möchten, sollten Sie vorsichtig sein. Ätherische Öle wie Thymianöl enthalten hohe Anteile an Thujon. Schon wenige Tropfen können schnell die Grenzwerte überschreiten. Eine genaue Dosierung erfordert Laborgeräte und Fachwissen. Am besten kaufen Sie fertige Produkte von seriösen Herstellern.
Fazit: Thujon macht nicht wahnsinnig - Alkohol schon eher
Am Ende des Tages ist die Angst vor Thujon unbegründet. Solange Sie Absinth moderat genießen und auf die gesetzliche Obergrenze achten, sind Sie auf der sicheren Seite. Halluzinationen bleiben weiterhin den echten Halluzinogenen vorbehalten - oder Ihrem eigenen Gehirn, wenn Sie genug Alkohol getrunken haben, um alles verschwommen erscheinen zu lassen.
Also entspannen Sie sich, genießen Sie Ihren Drink und lassen Sie die Legenden einfach als Teil der Kultur gelten. Nichtsdestotrotz: Trinken Sie verantwortungsvoll.
Kann Thujon allein Halluzinationen verursachen?
Nein, Thujon hat keine bekannte halluzinogene Wirkung. In hohen Dosen kann es jedoch zu nervösen Symptomen, Übelkeit und sogar Krampfanfällen führen. Halluzinationen treten typischerweise erst bei extremer Überdosierung auf, die praktisch unmöglich ist, ohne vorher an Alkoholvergiftung zu sterben.
Wie viel Thujon ist in einem Glas Absinth?
Ein Glas Absinth (ca. 5 cl) enthält maximal 1,75 Milligramm Thujon, da die gesetzliche Obergrenze bei 35 mg/L liegt. Das ist weit entfernt von jeder toxischen Dosis.
Ist Absinth in Deutschland legal?
Ja, seit 2005 ist Absinth in Deutschland und der gesamten EU legal, solange er innerhalb der festgelegten Thujongrenzen bleibt. Seitdem gibt es zahlreiche kommerzielle Angebote.
Welche Nebenwirkungen hat Thujon?
In geringen Mengen keine spürbaren. In höheren Dosen kann Thujon zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Nervosität und in Extremfällen zu Krampfanfällen führen. Langfristige Effekte sind kaum untersucht.
Warum glaubt man, Absinth mache wahnsinnig?
Dieser Glaube stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, als Absinth populär war und später wegen angeblicher Gesundheitsrisiken verboten wurde. Viele Geschichten über verrückte Künstler sind rückblickend entstanden und wenig belegt.
Gibt es Alternativen zu Absinth mit ähnlichem Geschmack?
Ja, einige Kräuterliköre wie Pastis oder Anisette haben einen ähnlichen Geschmack, enthalten aber weniger Thujon. Auch moderne Varianten von Absinth mit reduziertem Alkoholgehalt sind erhältlich.
Kann man Absinth selbst herstellen?
Ja, aber Vorsicht: Die Extraktion von Thujon erfordert Erfahrung. Ohne Kontrolle riskieren Sie, die gesetzlichen Grenzwerte zu überschreiten. Besser ist es, fertige Produkte zu kaufen.
Hat Absinth besondere Rituale beim Servieren?
Traditionell wird Absinth mit kaltem Wasser verdünnt und manchmal mit Zuckerwürfeln serviert. Dies dient sowohl der Optik als auch der Geschmacksentwicklung. Ob das Ritual notwendig ist, bleibt jedem selbst überlassen.