Absinth gilt vielen als das gefährlichste und stärkste Alkoholgetränk der Welt. Doch stimmt das wirklich? Wenn du dich fragst, ob Absinth den Titel als stärkster Alkohol verdient, dann solltest du wissen, was hinter dem Mythos steckt - und was nicht.
Wie stark ist Absinth wirklich?
Absinth hat einen Alkoholgehalt zwischen 45 % und 74 % Vol. Die meisten modernen Absinthen liegen bei 60-68 % Vol. Das klingt extrem - und ist es auch. Aber es ist nicht der höchste Alkoholgehalt, den es gibt. Es gibt Alkoholgetränke, die deutlich stärker sind. Zum Beispiel: Polen hat einen Schnaps namens Spirytus Rektyfikowany, der 96 % Alkohol enthält. Das ist fast reinen Ethylalkohol. Auch der britische Everclear kommt auf 95 % Vol. Diese Getränke sind nicht nur stärker - sie sind auch viel gefährlicher, weil sie fast keine Aromen mehr haben, nur noch Alkohol.
Absinth dagegen ist ein komplexes Getränk. Es wird aus Wermut, Anis und Fenchel destilliert, oft mit weiteren Kräutern wie Sternanis oder Melisse. Der Geschmack ist bitter-süß, würzig, fast medizinisch. Der hohe Alkoholgehalt dient nicht nur der Wirkung - er löst die ätherischen Öle aus den Kräutern, die sonst nicht löslich wären. Das ist der Grund, warum Absinth beim Anrühren mit Wasser trüb wird: die Öle precipitieren. Das nennt man Louche. Es ist kein Trick, es ist Chemie.
Warum glaubt man, Absinth sei das stärkste Getränk?
Der Mythos vom gefährlichen Absinth kommt aus dem 19. Jahrhundert. Damals wurde er in Paris, Wien und Prag von Künstlern, Schriftstellern und Bohemiens getrunken. Man sagte, er verursache Halluzinationen, Wahnsinn und sogar Mord. Der Grund? Thujon. Das ist ein Stoff, der in Wermut vorkommt. Man dachte, Thujon sei ein Narkotikum, ähnlich wie Marihuana oder LSD.
Heute wissen wir: Das ist Quatsch. Der Thujongehalt in echtem Absinth ist so gering, dass du erst sterben würdest, bevor du hallucinierst. Um eine gefährliche Dosis Thujon zu bekommen, müsstest du mehrere Flaschen Absinth auf einmal trinken - und das wäre der Alkohol, der dich umbringt, nicht das Wermut. Die EU erlaubt heute maximal 35 mg Thujon pro Liter. In den USA sind es 10 mg. Beides ist weit unter der Dosis, die irgendetwas bewirken könnte.
Die wahre Gefahr von Absinth liegt nicht in seinen Inhaltsstoffen, sondern in seiner Stärke. 70 % Alkohol sind kein Spielzeug. Ein kleiner Schluck - ein halber Espresso - reicht, um dich zu betrunken zu machen. Viele trinken ihn wie Wasser, weil er so aromatisch ist. Das ist tödlich. Ein einziger Schluck von 30 ml Absinth mit 70 % Vol. enthält so viel reinen Alkohol wie ein großes Bier - aber in einer viel kleineren Menge. Das macht es schwer, die Dosis zu kontrollieren.
Was ist stärker als Absinth?
Wenn du nach dem stärksten Alkohol suchst, dann schau nicht zu Absinth. Hier sind die echten Spitzenreiter:
- Spirytus Rektyfikowany (Polen): 96 % Vol. - der stärkste legal erhältliche Alkohol der Welt
- Everclear (USA): 95 % Vol. - oft als „Alkohol für Reinigung“ vermarktet, aber getrunken
- Golden Grain (USA): 95 % Vol. - ähnlich wie Everclear
- Neckenpfeffer (Deutschland): 80-82 % Vol. - ein traditioneller Kräuterbrand, oft selbstgebrannt
- Stroh (Österreich): 80 % Vol. - ein kräftiger Kräuterlikör, der oft als Schnaps getrunken wird
Absinth ist stark - aber nicht der stärkste. Er ist ein Genussmittel mit Geschichte, nicht ein Alkoholwettbewerber. Wer ihn als Rekordhalter sieht, verwechselt Mythos mit Wirklichkeit.
Wie trinkt man Absinth richtig?
Wenn du Absinth trinken willst - und du solltest es nur tun, wenn du weißt, was du tust - dann mach es richtig. Nie pur. Nie wie einen Schnaps. Nie in einem Schuss.
Die klassische Methode: Nimm ein Absinthglas. Gib einen Teelöffel Zucker darauf. Lege eine Absinthlöffel (mit Löchern) darauf. Gieße kaltes Wasser langsam über den Zucker, bis das Glas fast voll ist. Das Wasser löst den Zucker auf und verändert die Farbe des Absinths von klar zu milchig. Das dauert 3-5 Minuten. Du riechst die Kräuter, du schmeckst die Süße, du fühlst die Wärme des Alkohols - aber nicht die Schärfe. Es ist eine Zeremonie. Eine Meditation.
Wenn du ihn pur trinkst, riskierst du nicht nur deine Gesundheit - du verschwendest das Getränk. Du verlierst die Aromen, die Jahrhunderte Entwicklung gekostet haben. Du trinkst nicht Absinth. Du trinkst Alkohol mit Kräuteraroma. Das ist wie einen Wein aus der Flasche zu trinken, ohne ihn zu decantieren.
Was ist mit „Absinth“ in der Schweiz?
Die Schweiz hat Absinth 1910 verboten - und erst 2005 wieder zugelassen. Heute ist sie ein Zentrum für echte, traditionelle Absinthproduktion. Die Schweizer Absinthen sind oft stärker als ihre französischen oder deutschen Pendants - bis zu 72 % Vol. - und werden oft ohne Zucker getrunken. Aber sie sind nicht stärker als Spirytus. Sie sind nur authentischer. Und das macht den Unterschied.
Ein guter Schweizer Absinth wie La Bleue oder La Clandestine ist ein Kunstwerk. Er wird in kleinen Chargen destilliert, mit echtem Wermut aus den Alpen, ohne künstliche Farbstoffe. Er kostet 40-80 Euro. Du trinkst ihn nicht, um zu betrunken zu werden. Du trinkst ihn, um zu fühlen - wie ein Künstler im 19. Jahrhundert.
Was passiert, wenn man zu viel Absinth trinkt?
Wenn du drei Gläser Absinth in einer Stunde trinkst, wirst du schwer betrunken. Vielleicht übel. Vielleicht krank. Vielleicht wirst du dich erbrechen. Das ist kein „Absinth-Wahn“. Das ist normale Alkoholvergiftung. Du bekommst Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit. Dein Körper kämpft gegen die Menge an Ethylalkohol. Nicht gegen Thujon. Nicht gegen Magie. Gegen Alkohol.
Es gibt keine dokumentierten Fälle von Halluzinationen durch Absinth, die nicht auf Alkoholintoxikation zurückzuführen waren. Die alten Geschichten von Künstlern, die sich selbst verletzten, nachdem sie Absinth getrunken hatten - sie stammen aus Zeiten, in denen viele Absinthe mit giftigen Zusätzen wie Kupfersulfat oder Antimon gefärbt wurden. Das war kein Absinth. Das war Chemie.
Heutiger Absinth ist sicher. Er ist nur extrem stark. Und das ist der einzige Grund, warum er gefährlich sein kann.
Fazit: Absinth ist nicht der stärkste Alkohol - aber er ist der gefährlichste, weil man ihn unterschätzt
Absinth ist nicht der stärkste Alkohol. Aber er ist der stärkste, den du leicht unterschätzen kannst. Er schmeckt nicht wie Alkohol. Er riecht nach Kräutern. Er wirkt wie Tee. Aber er ist stärker als Wodka, Gin oder Whisky. Er ist stärker als die meisten Schnäpse.
Wenn du ihn trinkst, tu es mit Respekt. Mit Geduld. Mit Wasser. Mit Zucker. Mit einem guten Glas. Nicht mit einem Schuss. Nicht mit Freunden, die ihn als Herausforderung sehen. Nicht als Teil eines Wettschankens.
Absinth ist kein Sport. Es ist ein Ritual. Ein Erbe. Ein Geschmack, der seit 200 Jahren existiert - und der sich nicht mit dem stärksten Alkohol messen muss. Er muss nur richtig getrunken werden.
Ist Absinth heute noch legal?
Ja, Absinth ist in der EU, den USA und vielen anderen Ländern legal - solange er die Thujongrenzwerte einhält. In der EU dürfen maximal 35 mg Thujon pro Liter enthalten sein. In den USA sind es 10 mg. Moderne Absinthe erfüllen diese Vorgaben und werden in Apotheken, Spezialläden und Online-Shops verkauft.
Kann man von Absinth hallucinieren?
Nein. Halluzinationen durch Absinth sind ein Mythos. Der enthaltene Thujon ist in zu geringen Mengen vorhanden, um eine psychoaktive Wirkung zu haben. Alle Berichte über Halluzinationen lassen sich auf Alkoholintoxikation oder verunreinigte Produkte aus dem 19. Jahrhundert zurückführen. Heutiger Absinth ist sicher - aber stark.
Was ist der Unterschied zwischen Absinth und Wermut?
Wermut ist eine Pflanze - Artemisia absinthium - und eine Zutat im Absinth. Absinth ist ein destilliertes Getränk, das aus Wermut, Anis und Fenchel hergestellt wird. Wermutlikör ist ein süßer, alkoholisierter Wein mit Wermut, oft als Aperitif getrunken. Absinth ist rein, kräftig, hochprozentig und wird anders zubereitet.
Warum wird Absinth mit Zucker getrunken?
Der Zucker dient dazu, die Bitterkeit der Kräuter abzumildern und die Aromen sanfter zu machen. Er löst sich im Wasser auf und verlangsamt die Aufnahme des Alkohols. So wird der Genuss ausgeglichener und weniger rau. Es ist kein Muss - aber traditionell und empfohlen.
Wie viel Absinth ist sicher zu trinken?
Ein Glas (ca. 30 ml) mit Wasser verdünnt ist eine angemessene Menge. Du solltest nicht mehr als 60 ml pro Stunde trinken. Da Absinth 60-70 % Alkohol enthält, entspricht das etwa 2-3 Standardgetränken. Trinke langsam, mit Wasser dazwischen - und nie nüchtern.